1898 – 1966
- nach einer Tonbandaufzeichnung Fritz Jšdes in Berlin aus dem Archiv der Jugendmusikbewegung
WolfenbŸttel
Die BeschŠftigung mit der Persšnlichkeit Peter Harlans, Instrumentenbauer und Musiker in Berlin, Markneukirchen und auf der Burg Sternberg, lŠsst eines der markantesten, eigenwilligsten Profile in der Ahnengalerie der deutschen Jugendmusikbewegung entstehen: seine Biographie spiegelt paradigmatisch die Seligkeiten und Unseligkeiten der ersten HŠlfte des 20. Jahrhunderts wieder, ihre SehnsŸchte, Hoffnungen und Leidenschaften, ihre Siege und Niederlagen, ihre zukunftsweisenden Entdeckungen und fruchtbaren, manchmal auch furchtbaren IrrtŸmer. Auf den TrŸmmern einer gro§en bŸrgerlichen Epoche nach der Katastrophe des ersten Weltkrieges, eigentlich aber schon in der heftigen Opposition der ersten Wandervogelzelle Steglitz 1901, entsteht jene radikal jung denkende und handelnde, kompromisslos optimistische kulturelle Erneuerungsbewegung, in die Peter Harlan 1898 in Berlin hineingeboren wird und die er, in enger Verbindung mit ihren Protagonisten, ihren oft heftigen Richtungsstreiten und Parteiungen, ein halbes Jahrhundert lang entscheidend mitprŠgen sollte.
Peter Harlan und seine Geschwister – sein Bruder, der begabte Filmregisseur Veit Harlan, machte sich einen unrŸhmlichen Namen als ErfŸllungsgehilfe Goebbels mit Werken wie ãJud SŸ§Ò, ãKolbergÒ und €hnlichem – wŠchst in reichem, gro§bŸrgerlichem Umfeld auf . Der Vater Walter Harlan stand als Architekt – er baute das ãNeue TheaterÒ in Leipzig - , Schriftsteller und Theaterdramaturg am Lessingtheater in Berlin im Brennpunkt avantgardistischer KŸnstlerkreise des wilhelminischen Deutschland. Peter Harlan kann also mit Recht Freunde seines Vaters wie Gerhard Hauptmann, Peter Behrens, Otto Erich Hartleben, Professor Paulsen und viele andere mit ãPatenonkelÒ anreden.
Seine Hinwendung zur Musik bekommt ihre ersten Impulse einerseits durch die Freundschaft zum Maler, Weltenbummler, Schriftsteller und Musiker Fritz Wildhagen, dessen Leidenschaft fŸr die Musik sich in einer der bedeutendsten Sammlungen alter europŠischer, aber auch afrikanischer und arabischer Musikinstrumente manifestiert, die Anfang des Jahrhunderts in Deutschland existiert. Harlan bekommt durch Wildhagen ãviele der kšstlichsten InstrumenteÒ in seine Hand, lernt hier die Ehrfurcht vor der Handwerkskunst der Renaissance und des Barock. Die neue Leidenschaft fŸr alte Instrumente lŠsst ihn sein Leben lang nicht mehr los. Er wird in diesem Geist Restaurierungen und Reparaturen vornehmen an den wertvollsten StŸcken der Sammlung, die durch seine Vermittlung spŠter Grundstock von Sammlungen in Kopenhagen und Amerika wird.
Andererseits wird der Eintritt in die Steglitzer Urzelle des Wandervogel bei Max Pohl und Walter Fischer, auf Betreiben des Vaters hin, wegbestimmend. Die RŸckbesinnung auf das ãEchte und WahreÒ, wie man es im Volkslied, in den DenkmŠlern der ãaltenÒ Musik zu finden glaubt, bringt den neuen Entwurf einer Gegenkultur zum bŸrgerlichen Konzert – und Musikvereinsbetrieb. Der ãZupfgeigenhanslÒ bewirkt nicht nur beim jungen Peter Harlan eine Leidenschaft fŸr das Singen zur Gitarre, er wird zur Vision einer besseren Welt. Und eine Reise nach Weimar mit seinem Lehrer, dem Organisten Franz Wagner, weckt die Begeisterung fŸr Goethes Klavichord, das verstimmt im Gartenhaus steht. Daraufhin beschlie§t er, Schule und Abitur an den Nagel zu hŠngen, um Instrumentenmacher zu werden.
Als ãGitarrentischlerÒ, wie es der Vater abschŠtzig bezeichnet, beginnt Peter Harlan eine Gitarrenbaulehre bei Obermeister Ernst Kunze in Markneukirchen, fertigt in Serie die Muscheln der Wandervogellauten, sucht aber neben der unbefriedigenden Tagesarbeit in einer eigenen Werkstatt, seinen Traum von dem ,Òwas ich wirklich wollteÒ, der Neuentdeckung der Instrumente des 16. Jahrhunderts, zu verwirklichen. Der Weg dazu steht offen, als Harlan, nach dem kurzen Intermezzo seiner Einberufung nach Makedonien, 1918 nicht mehr die Lehre bei Kunze beendet, sondern sofort seine eigene Werkstatt grŸndet.
Zwar bauen die sich rasch vergrš§ernden Harlan–WerkstŠtten anfangs noch die seit Breuers ãZupfgeigenhanslÒ so gefragten Fahrtengitarren, doch ihren jungen Inhaber interessieren neue Wegweisungen: von seiner ãpersšnlichen Leidenschaft ausgehendÒ versucht Harlan, aus dem Geist der neuen Bewegung die ãWunderwelt der Instrumente von innen heraus anzugehenÒ, das ãKunstwerk an sichÒ in ihnen zu finden, zurŸck zum ãex ovoÒ, zum ãEinfachenÒ, aber nicht ãPrimitivenÒ. Der Versuch der Markneukirchener Geigenbauer, archaische Formen ãvon au§enÒ zu kopieren, ist ihm abschreckendes Beispiel. Und so baut er Instrumente fŸr das Freiburger Seminar von Willibald Gurlitt, fŸr die Konservatorien in Paris und BrŸssel, tauscht Erfahrungen mit August Wenzinger , dem Leiter der ãCapella ColoniensisÒ. Aus der Wandervogellaute, einer ãKlampfeÒ in Gitarrenstimmung, entwickelt sich durch Anregungen und im Austausch mit Leuten wie Richard Mšller, Herrmann Reichenbach und vielen anderen die doppelchšrige Renaissancelaute. Aus ihr die Viola da Gamba und ihr gesamter Stimmchor vom Diskant zum Bass, wie ja die Entwicklung chorischer Stimmwerke dem Ideal der Mehrstimmigkeit des 16. Jahrhunderts als gemeinschaftsfšrderndem PhŠnomen in der Fortentwicklung der Jugendmusikbewegung entspricht.
Durch den Freiburger Professor Gurlitt lernt Harlan die Blockflšte kennen und fertigt 1921 die erste Kopie. Dazu besorgt er sich von Curt Sachs, damals Sammlungsleiter des Berliner Musikinstrumenten-Museums, eine alte Barockblockflšte des NŸrnberger Meisters Jakob Denner als Vorbild. Und hier zeigt sich exemplarisch eine Grundproblematik der Jugendmusikbewegung : man glaubt, in der Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock mit ihrer LinearitŠt, ihrem ãherbenÒ Vokalcharakter, ihrer in den Kirchentonarten wurzelnden Strenge und dem vermeintlich ãobjektivenÒ Klang ihres durch PrŠtoriusÕ ãSyntagmaÒ Ÿberlieferten Instrumentariums das neue Ideal einer neuen Jugend erkennen zu kšnnen. Daraus entsteht eine Bewegung zurŸck zu den historischen Quellen, zur ãAlten MusikÒ, zur ErgrŸndung ihres Klanges sowie der Art und Spielweise ihrer Instrumente. Namen wie Gurlitt in Freiburg, Reichenbach und Gofferje im ãMusikheim Frankfurt/OderÒ, Wenzinger in Kšln , aber auch GŸnther Hellwig, der durch den Wandervogel zu Geigenbau kommt und spŠter in der Erforschung und Nachahmung des bedeutenden Gambenbauers Tielke die gesamte neuere Fortentwicklung im historischen Gambenbau einleitet, stehen fŸr diese Richtung. ãWir fanden im 16.Jahrhundert das uns Nahestehende, fŸhlten uns dichter daran wie an Reger oder Beethoven..Ò .
Dabei will man eben nicht nur ãhistorisierendÒ und ãmusealÒ forschen, sondern zukunftsweisend eine neue Volkskultur schaffen, die in Kenntnis des alten Ideals neue ãFormungenÒ in Musik, AuffŸhrungspraxis und Instrumentarium entwickelt. Gleichzeitig sollen neue, im Geist der ãaltenÒ geschaffene Volksinstrumente billig und leicht zu erlernen sein.
Peter Harlan versucht den Spagat. Dabei passieren ihm beim ãHerumdokternÒ aus ãMangel an KenntnissenÒ solche ãplumpvertraulichen FehlerÒ wie die Entwicklung der ãVerrŸcktheit der sogenannten deutschen GriffweiseÒ bei der Blockflšte. Ein Fehler, den Harlan selbst, vor allem nach der Bekanntschaft 1925 mit den Pionieren der alten Musik in England, der Familie Dolmetsch, wieder ausbŸgelt. Die deutsche Griffweise ohne die fŸr AnfŠnger etwas schwierigeren Gabelgriffe hat aber schon, trotz ihrer problematischen Intonation, fŸr den Bedarf der Schulmusik ihren vorlŠufigen Siegeszug angetreten: als ãBŠrenreiter-BlockflšteÒ fŸr etwa 4 Reichsmark aus den ãHarlan-WerkstŠttenÒ. Ebenso ihr Stimmton, der, im MissverstŠndnis des um einen Halbton tiefer liegenden F der Blockflšte von Denner, zunŠchst auf E und A im Stimmwerk gesetzt wird und mit der E-Stimmung der Gitarre gut korrespondiert, dann aber, im Bezug zur Stimmung der Lauten und Gamben, auf D und G, spŠter auf C und F ausgerichtet wird.
Harlan baut nun in diesem Sinne 8-saitige Gitarren in D, auf der auch die neu entdeckten Lautenwerke Bachs spielbar werden, aber ebenso doppelchšrige Lauten, Klavichorde, Cembali. Neben wertvolleren Instrumenten fŸr den Export entstehen Schulgamben im ganzen Stimmwerk als ãBŠrenreiter-GambenÒ sowie 3-saitige Viellen in Quintstimmung. Doch Harlan geht noch einen Schritt weiter: Aus Mangel und Not wŠhrend des 2. Weltkrieges – eine Schule in Elbing benštigt einen Gambenchor – konstruiert er in Vereinfachung des ãorganischen GrundgerŸstes der GambeÒ und den ProportionsverhŠltnissen des ãgoldenen SchnittsÒ die Fidel – ãdie wichtigste meiner TatenÒ. Zusammen mit dem als Leiter eines Arbeitsdienstlagers in Tennsee bei Mittenwald tŠtigen Karl Frank bauen sie mit den MŠnnern des Arbeitsdienstes jene Instrumente ãin gotischer FormÒ, die, mit leichten Stahlsaiten Ÿber einer dachfšrmigen Decke bezogen, als neue Volksinstrumente neben der Blockflšte mit ihrem silbrig stillen Klang und der leicht zu erlernenden Spielweise nach dem Krieg die zukunftsweisenden Laieninstrumente werden sollten. Auf LehrgŠngen in ganz Europa verbreiten Frank und Harlan diese bewusst unhistorischen ãFidelnÒ – ein Gegensatz zur historischen ãFiedelÒ des Mittelalters – fŸr den Selbstbau , verbunden mit dem gleichzeitigen Erlernen ihre Spielweise und ihre Anwendung im Fidelchor. Mehr als die Familie der Violinen, die fŸr Harlan ein ãveraltetes KlangidealÒ darstellen, glaubt er in der Fidel ã das Klangideal unserer ZeitÒ gefunden zu haben, mit dem den alten, volkspŠdagogischen Zielen der Jugendbewegung ein zukunftstrŠchtiges Mittel mit gemeinschaftsbildender Kraft gewidmet werden soll. Bachs ãKunst der FugeÒ, Hindemiths ãLudus tonalisÒ – nun mit Laien erreichbar. Eine Vision?
Auf der Burg Sternberg im Lippischen findet Harlan nach dem Krieg den idealen Ort und Kristallisationspunkt fŸr die Verbreitung seiner Ideale. Zusammen mit seiner Familie lebt, arbeitet, musiziert er, hŠlt LehrgŠnge ab, wirkt und wirbt in VortrŠgen, Konzerten und beeinflusst mit seinem Kšnnen, Wissen und Charisma Generationen bis zu seinem Tod im Jahre 1966. Seine Sammlung alter und neuer Musikinstrumente wird zur Zeit dort in einem ãklingenden MuseumÒ installiert und weiteren Generationen neu prŠsentiert, sein Lebenswerk findet in neuen Konzepten, in LehrgŠngen, Symposien und Konzerten auch in Zukunft auf Sternberg Heimat und Fortentwicklung – ãMusik im Geist vergangener Epochen, aber mit dem Gewissen der GegenwartÒ. Heinz Moser formulierte zum 65. Geburtstag des ãZauberers von SternbergÒ: ã.. ein Musterfall fŸr sein ganzes edles Kunsthandwerk, aber auch fŸr den ganzen Stand der deutschen Hausmusik bester PrŠgung..Ò.